Chroma Experience

Florian

Achtsamkeit in der User Experience

Durch Yoga-Hype und Meditation-Apps findet die Praxis der achtsamen Wahrnehmung immer mehr Verbreitung. Man kann sagen, dass der Begriff Achtsamkeit zurzeit sehr populär geworden ist. Gerade in einer Zeit, in der wir unbegrenzt mit Informationen konfrontiert werden, ist das nicht verwunderlich. In jeder freien Minute durch die Timelines unserer Social-Media-Apps scrollen, oder im Home-Office durch Benachrichtigungen und Videocalls von unserer eigentlichen Arbeit abgelenkt zu werden, gehört wohl für die meisten Menschen zum Alltag.

Achtsamkeit ist also ein Thema, über das wir nachdenken oder etwas, das wir vielleicht sogar schon praktizieren. Aber wie sieht es in der Entwicklung digitaler Produkte aus? Können wir von den Erkenntnissen der achtsamen Wahrnehmung profitieren, um bessere Produkte zu kreieren? Werfen wir doch mal einen Blick darauf.

Was bedeutet es, achtsam zu sein?

Der Begriff Achtsamkeit hat seine Wurzeln im Buddhismus. Wer jetzt denkt, dass man sie nur im Lotossitz vor einer Buddha-Statue praktizieren kann, liegt falsch. Achtsamkeit bedeutet nämlich nicht viel mehr, als absichtlich darauf zu achten, was im gegenwärtigen Moment in und um uns herum geschieht. Wichtig dabei ist, dass wir nur beobachten und darauf verzichten, das Wahrgenommene in irgendeiner Art und Weise zu beurteilen.

Jon Kabat-Zinn

Achtsamkeit ist von Augenblick zu Augenblick gegenwärtiges, nicht urteilendes Gewahrsein, kultiviert dadurch, dass wir aufmerksam sind.

Die Konzentration auf die kleinen, uns umgebenen Details ist die Basis der Praktik. Schwieriger wird es jedoch mit dem zweiten Teil, nämlich diese Details nicht zu benennen, zu beurteilen, abzulehnen oder festzuhalten. Beide Bestandteile der Achtsamkeit lassen sich aber wunderbar trainieren.

Vorurteile überwinden

Das vorurteilsfreie Beobachten kann ein Schlüssel sein, die Nutzer eines digitalen Produktes genauer kennenzulernen. Oft passiert es, dass wir eigene Erfahrungen und Annahmen anwenden, wenn wir über die Probleme anderer nachdenken. Wenn wir es aber schaffen, den Nutzern vorurteilsfrei und offen zuzuhören und es vermeiden, eigene Maßstäbe an das Gesagte anzulegen, ist es uns möglich, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, die die Probleme des Nutzers besser adressieren.

Empathie ist der Schlüssel

Achtsamkeit lehrt uns nicht nur das vorurteilsfreie Beobachten, sondern auch damit einhergehend Empathie und Mitgefühl. Gerade diese Eigenschaften können uns in Nutzertests und Interviews helfen, eigene Vorurteile zurückzustellen und eine offenere und anerkennende Haltung gegenüber anderen zu entwickeln. So können UX-Forscher und Designer sich auf die gewonnenen Informationen konzentrieren und diese im Sinne der Nutzer interpretieren.
Übernehmen wir Verantwortung für unser Denken und Handeln, haben wir auch die Chance dieses in einem ständigen Prozess zu hinterfragen und anzuerkennen, dass es Probleme gibt. Probleme mit Nutzern, mit Produkten, dem Arbeitsplatz oder Umwelt. Mit dieser Erkenntnis können wir nun anfangen einfühlsamer zu sein und ein Mindset entwickeln, die Dinge besser zu machen. In der Produktentwicklung können wir mithilfe der Empathie überprüfen, wie sich unsere Ideen auf uns selbst, die Gesellschaft, die Umwelt und auf die Zukunft auswirken.
Wenn wir als UX-Designer nicht wirklich offen und wertfrei sind, haben wir es schwer, Vertrauen und Beziehungen aufzubauen. Denn gerade diese benötigen wir, um aussagekräftige Interviews durchzuführen und auf dieser Basis erfolgreiche Produkte zu gestalten. Auch Designer und Entwickler werden es schwer haben, erfolgreich und nachhaltig miteinander zu arbeiten, wenn sie nicht in der Lage sind, effektiv miteinander zu kommunizieren, die Perspektive des anderen anerkennend wahrzunehmen und sich in Geduld zu üben.
Neben der wertfreien Fokussierung auf andere Menschen und der Entwicklung von Empathie ihnen gegenüber, dürfen wir nicht vergessen, uns auch selbst im Blick zu behalten. Wir sollten uns Zeit nehmen unsere Motivation infrage zu stellen, unsere persönlichen Probleme zu kommunizieren und dafür sorgen, dass wir bei geistiger und körperlicher Gesundheit bleiben. Denn jede Beziehung, die wir haben ist, eine Erweiterung unserer selbst.
Empathiefähigkeit ist also eine Voraussetzung für eine selbstreflektierte Denkweise, ein tiefergreifendes Verständnis anderer und somit der Schlüssel für eine erfolgreiche User-Experience.

Den Fokus halten

Wie schon erwähnt, ist die Konzentration auf das, was gerade da ist, der elementare Bestandteil der Achtsamkeit. Den Überblick über die verschiedenen Entwurfsphasen, Nutzertests und Analysen in vielen Iterationen zu behalten ist oft schwer. Das Training der Achtsamkeit kann uns im UX-Prozess helfen uns auf die gerade wichtigen Aspekte unserer Arbeit zu fokussieren, ohne aber das Gesamtziel aus den Augen zu verlieren.
Dieses Verständnis für die Fokussierung können wir ebenfalls in Nutzertests anwenden. Wenn Nutzer durch digitale Anwendungen navigieren, ist dies hauptsächlich durch Intuition und evolutionsbedingte Rahmenbedingungen geprägt. Für UX-Designer ist es wichtig zu erkennen, wann die Aufmerksamkeit eines Nutzers abbricht und wie wir diesen Umstand verhindern können. Die Konzentration auf wichtige Interaktionselemente, die ohne Ablenkung den Nutzer zum Ziel führen, kann eine Lösung sein. Hier können wir die Prinzipien der Achtsamkeit anwenden, den Nutzer die Möglichkeit zu geben fokussiert zu bleiben, um seine Aufgabe zu erledigen.

Loslassen lernen

Das Geheimnis guten Designs ist zu wissen, was man weglassen muss. Wenden wir Achtsamkeitsprinzipien in der Gestaltung an, können wir uns leichter von Features, bestimmten Designelementen, gewünschten Ergebnissen und Problemlösungen befreien. Die Distanzierung vom Ergebnis gibt uns die Möglichkeit hervorragende Dinge zu entwerfen. Im Yoga gibt es das Prinzip der „Nicht-Anhaftung”. Es ist die Idee, das Beste zu tun, was möglich ist und was man für richtig hält, aber nicht das Ergebnis als Schlüssel zum Glück zu sehen. Wenn also weniger auf dem Spiel steht, können wir kreativer und offener für neue Aspekte sein.
Auch das Bedürfnis nach Perfektion steht häufig guten Ergebnissen im Weg, denn im Perfektionismus dreht sich alles nur um das eigene Ego. Wenn unsere Zufriedenheit davon abhängt, dass wir Scham und Schuldgefühle vermeiden, wenn wir eine nicht perfekte Lösung schaffen, schaden wir uns selbst und stehen Innovationen im Weg. Die Achtsamkeitspraxis kann uns helfen von diesem Anspruch loszulassen und uns auf die wichtigen, gerade anstehenden Aufgaben zu konzentrieren.

Fazit

Die von uns entworfenen Produkte sind nicht von uns selbst getrennt. Unsere Erfahrungen und unsere innere Haltung tragen dazu bei, wie wir arbeiten und mit anderen Menschen interagieren. Um bessere Produkte zu entwickeln, müssen wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dabei reicht es nicht im Sinne des „User-Centered-Design“ nur an die Nutzer zu denken, sondern auch uns selbst müssen wir in diesen Schaffensprozess mit einbeziehen. Es ist also ein ganzheitlicher Ansatz, der innere und äußere Faktoren mit einbezieht um Innovationen voranzutreiben und die UX-Arbeit für Designer und Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten. Achtsamkeit und Empathie kann uns dabei eine wertvolle Hilfe sein.