Chroma Experience

Florian

Don’t make me think!

Die menschliche Wahrnehmung im Produktdesign

Wenn wir über User-Experience nachdenken, steht immer der Mensch im Mittelpunkt unserer Überlegungen. Wir führen Interviews durch, machen Nutzertest und berücksichtigen Studien und Forschung bei der Entwicklung digitaler Produkte. Schon lange bevor es Begriffe wie User Experience oder User-Centered-Design gab, habe ich mich als Designer mit der Wahrnehmungspsychologie beschäftigt. Diese Erkenntnisse gehören einfach zum Grundwissen eines jeden Designers. Wie wir dieses Wissen nutzen können, um die Nutzerzufriedenheit in digitalen Produkten zu erhöhen, möchte ich in diesem Artikel etwas genauer beleuchten.

Ich möchte nicht nachdenken!

Wenn ich mir meine Apps auf dem Handy anschaue, oder auch die Anwendungen mit denen ich arbeite, stelle ich häufig fest, dass ich nicht die Funktionen oder Informationen finde, die ich suche. Das kann verschiedene Gründe haben, aber ein elementarer Aspekt unseres Gehirns wird häufig im Design dieser Produkte ignoriert: das Kurzzeitgedächtnis.

Fragen wir die Nutzer, werden wir den folgenden Wunsch hören: Wir wollen eine möglichst große Auswahl an Optionen und Informationen. In Paradox of Choice beschreibt der Psychologe Barry Schwartz, dass der Mensch sich leichter entscheiden kann, wenn er weniger Optionen zur Auswahl hat. Diese Erkenntnis steht also im Konflikt zu den Nutzerwünschen. Was sollten wir also tun?

George Miller hat schon 1956 festgestellt, dass der Mensch sich nur ca. sieben Elemente gleichzeitig merken kann. Inzwischen wissen wir, dass die Menge dieser Elemente auch vom Kontext abhängt. Aber als grobe Orientierung können wir uns noch immer an seinen Erkenntnissen orientieren. Das bedeutet, wir sollten uns auf die absolut wichtigsten Elemente beschränken, die gerade für das Erledigen der aktuellen Aufgabe notwendig sind. Auch das bestätigte schon 1952 der Psychologe William Edmund Hick mit dem Hick-Hyman-Gesetz.

Berücksichtigt endlich meine Wahrnehmung!

In der Psychologie wird die Gestaltungstheorie nicht besonders ernst genommen. In der visuellen Gestaltung kann sie uns aber helfen, Informationen besser zu strukturieren und leichter erfassbar zu machen. Das Wissen um die visuelle Wahrnehmung des Menschen kann uns also helfen, Produkte intuitiver zu gestalten und komplexe Inhalte verständlicher aufzubereiten. Dabei gibt es ein paar grundlegende Gesetze, die uns dabei helfen können:

Nähe: nebeneinanderliegende Elemente empfinden wir als zusammengehörig
Ähnlichkeit: Elementen mit der gleichen Form oder Farbe schreiben wir ähnliche Eigenschaften zu
Geschlossenheit: unser Hirn erkennt sehr schnell Muster, um Oberflächen zu beurteilen
Symmetrie: wo immer möglich erkennt das Gehirn Symmetrie
Gemeinsame Region: Inhalte in einem Kasten nehmen wir als zusammengehörig war

Ich entscheide nicht rational!

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Entscheidungen von Nutzern auf rationale Weise getroffen werden. Vielmehr versuchen wir auf dem schnellsten Weg an unser Ziel zu kommen. Der Link oder das Bild, was am Ehesten nach der Lösung unseres Problems aussieht, wird geklickt. In der Fachsprache nennt man dieses Phänomen “Satisficing”, ein Kunstwort was sich aus satisfying (befriedigend) und suffice (ausreichend) zusammensetzt. Also dem Umstand, dass wir uns mit dem Erstbesten zufriedengeben. Wer dieses Phänomen in der Gestaltung von Menüs und der Strukturierung von Inhalten berücksichtigt, kann den Nutzer gezielt dabei unterstützen, intuitiv an sein Ziel zu gelangen.

Wenn Blicke töten könnten!

Zu häufig stelle ich fest, dass die Hierarchie in Inhalts- und Navigationselementen nicht meiner natürlichen Wahrnehmung entsprechen. Da werden Menüs falsch angeordnet oder wichtige Inhalte am Ende der Seite platziert. Dabei gibt es einfache Regeln, die man befolgen kann, wenn man darüber nachdenkt, wie man sein digitales Produkt gestalten möchte:

Gutenberg-Diagramm

Alle Menschen, die von links nach rechts lesen beginnen mit ihrer Wahrnehmung oben links. Hier ist also der Punkt höchster Aufmerksamkeit. Rechts unten befindet sich die Endzone. Auch hier ist ein wichtiger Punkt um wichtige Inhalte zu platzieren (z.B. der Call to Action). Elemente, die oben rechts oder unten links stehen, haben dabei eine größere Wahrscheinlichkeit übersehen zu werden. Hier kann man mit einer besonders auffälligen Gestaltung (z.B. Farbe, Größe) Abhilfe verschaffen. Diese an der klassischen Leserichtung orientierte Wahrnehmung in Form eines Z nennt man auch das Z-Muster.

F-Muster

Mit Blickverfolgungsstudien hat der renommierte UX-Experte Jakob Nielsen herausgefunden, dass die Annahmen des Z-Musters in der Wahrnehmung von Oberflächen nicht immer zutreffen. Gerade bei Seiten mit viel Text werden zuerst Headline und die ersten Worte gelesen, dann die erste Zwischenüberschrift und weiter unten noch ein paar einzelne Wörter. Visualisiert man dieses Muster erhält man ein F, wodurch das Muster auch seinen Namen erhalten hat. Du kennst diese Art zu lesen auch von dir? Dann kann ich dich beruhigen, dann machst du es nämlich wie die meisten Menschen.

Der erste Eindruck zählt!

Du trägst elegante Klamotten, hast ein gepflegtes Auftreten, du bist höflich und charmant? Dann beherrschst du dein Fachgebiet bestimmt perfekt, bist eine gute Mutter oder der liebevolle Ehemann. Oft passiert es, dass wir das äußere Erscheinungsbild auf Eigenschaften übertragen, die wir noch gar nicht kennen. Das ist der sogenannte Halo-Effekt. Dieser beschreibt das Phänomen das bestimmte Eigenschaften andere überstrahlen. Dieser Effekt tritt auch beim Betrachten unserer digitalen Produkte auf. Gefällt uns die Oberfläche nicht oder sind die ersten Interaktionen nicht von Erfolg gekrönt bewerten wir das Produkt negativ, obwohl wir uns noch garkeinen Gesamtüberblick verschafft haben. Zukünftige Berührungspunkte mit dem Produkt können dadurch negativ vorbelastet sein. Diesen ersten Eindruck im Nutzungsprozess zu korrigieren ist dann fast unmöglich. Von daher ist der erste Eindruck entscheidend und sollte eine besondere Berücksichtigung in der Gestaltung finden.

Lasst es uns besser machen

Es gibt unzählige Erkenntnisse aus Psychologie und Forschung, die uns dabei helfen können bessere Produkte zu gestalten. Dies war nur ein kleiner Einblick. Gerade für Gestalter digitaler Oberflächen, die mit hochkomplexen Zusammenhängen und einer Vielzahl von Informationen umgehen müssen, kann das Wissen um die menschliche Wahrnehmung zu besseren Designentscheidungen führen. Es reicht heutzutage nicht mehr aus, darauf zu vertrauen, dass man ein gutes Gespür hat oder richtige Annahmen trifft. Mit wachsender Komplexität, stärkerem Druck durch Konkurrenzprodukte und auch die steigenden Ansprüche einer digital affinen Gesellschafft, potenzieren sich die Anforderungen an Designer. Umso wichtiger ist es für Unternehmen eine Sensibilität für gute Usability und User-Experience zu entwickeln und auf Experten in diesem Gebiet zu vertrauen. Denn so kann aus einem guten Produkt ein großartiges werden, das Menschen intuitiv und mit Begeisterung verwenden können.